„John Alba ist ein herausragender Autor. Er hebt sich von den anderen deutschen Krimi- und Thriller-Autoren ab und kann sich mit den Top-US-Thriller-Autoren auf jeden Fall messen.“ (RW)

Wer gewinnt den Kampf um deine Seele? Deine Liebe? Oder dein Hass?

Als der sechzehnjährige Tobias mit Rachegedanken und einer Pistole nachts zu seinem brutalen Vater fährt, läuft ihm eine nackte Frau ins Auto. Die Frau sieht aus wie eine seiner Lehrerinnen – und sie sollte tot sein.

Bei dem Versuch, das dunkle Geheimnis aufzuklären, geraten Tobias und seine Freunde in einen Strudel aus Liebe und Hass, Verschwörung und Mord. Ihr Versteck, eine aufgelassene Brauerei in einem einsamen Schwarzwaldtal, wird dabei zum Zentrum immer unheimlicherer Ereignisse.

Weltweit tauchen Menschen auf, die tot sein sollten. Der Versuch der Freunde, mehr über das Rätsel zu erfahren, weckt etwas auf, das im Tode lauert. Etwas Grauenvolles. Wie lange noch, bis es die Freunde bemerkt?

Oder hat es das längst?


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1 * Donnerstag, Erzach im Schwarzwald

Tobias würde durch die Hölle gehen, nur um seine Mutter wieder lächeln und um seinen Vater sterben zu sehen.
»Christa?« Hatte seine Mutter die Pistole gesehen? Tobias schob die Tür zum dunklen Flur auf. Die Schlafzimmertür seiner Mutter stand weit offen, kein Licht, der süßliche Gestank ihrer Wodkafahne drang heraus. Er wusste aus Erfahrung, dass nur der billigste Wodka eine verursachte.
Schritte auf der Treppe nach unten. Er griff nach der Pistole in seiner Tasche. Hatte Christa im Vorbeigehen gesehen, wie er sie einsteckte?
Und wenn schon. Wahrscheinlich war sie zu besoffen, um sich morgen noch an die Pistole zu erinnern. Er schämte sich dafür, dass er darauf hoffte.
Er wollte seine Mutter da nicht mit hineinziehen. Im Gegenteil. Wenn er gleich die zweihundert Kilometer bis nach Mannheim fuhr, dann tat er das für sie.
Ein letzter Blick in sein Kinderzimmer auf das zu kurz gewordene Bett, die bunt bemalten IKEA-Regale, die verstaubten Modelle von Voyager, Challenger, der ISS. Seine Jugend hatte er in Adelsheim gelassen. Wenn er zurückkam, würde es in seinem Zimmer aussehen wie immer. Falls er zurückkam. Was auch in Mannheim passierte, er würde in sechs, sieben Stunden ein anderer sein.
Er machte Licht und lief nach unten.
»Christa?«
Die Kellertür stand offen, unten Rumpeln, seine Mutter fluchte. Es klang nicht, als grabe sie an diesem sinnlosen Loch.
Er sollte fahren. Er musste im Zeitplan bleiben. Er nahm den Autoschlüssel vom Bord, zog die Haustür auf und die warme Sommernacht klebte sich an ihn. Eine Fledermaus zappelte hektisch vorbei, die Straße leer, die Straßenlampen schwach und müde wie nach einem zu langen Kampf.
Im Haus klirrte was. Seufzend schloss er die Haustür von innen und rannte die Kellertreppe nach unten.
Auf dem Steinboden der Waschküche kniete seine Mutter, in ein rotes Turnierkleid gezwängt, der Rücken entblößt, ihre Wirbelsäule bog Beulen in ihre Haut. Eine LED-Lichterkette, die sie sich um die Hüfte gewunden hatte, tauchte alles in einen roten Schein. Pailletten funkelten. Vor ihr die Scherben einer Flasche, die sie hin und her schob. Ihre Hände waren nicht mit Erde verschmiert.
»Komm, Christa, ich bring dich zurück ins Bett.« Sanft griff er ihr unter die Arme, aber sie machte sich schwer.
»Weihnachtspunsch von Edeka«, sagte sie. »Ich habe die leere Flasche aufgehoben. Es war das beste Weihnachten. Du warst drei, weißt du noch? Das war das erste Jahr, in dem du dich über Geschenke freuen konntest. Legosteine. Du hast deine Raumschiffe damit gebaut.« Sie klang nüchtern und klar, ein Zeichen dafür, dass sie sehr besoffen sein musste.
»Wo hast du den Wodka versteckt?« Er sah sich um. Zwischen der Waschmaschine und dem seit Jahren kaputten Trockner reflektierte das Glas einer Flasche die LEDs. Fürst Uranov Wodka, auch von Edeka. »Das mit den Raumschiffen«, sagte er, »kam später.«
»Jesus ist an Weihnachten zur Welt gekommen«, sagte sie. »Dann hat er dreiunddreißig Jahre die Sünden der Menschen auf sich genommen. Bis es ihm zu viel wurde und er sich in den Himmel verabschiedet hat. So ein Feigling!«
»Ja, Christa. Komm jetzt, bitte.«
Auf einmal aufgeregt wandte sie sich zu ihm um.
»Lass uns Weihnachten feiern! Hilf mir, den Christbaumschmuck zu finden.«
»Es ist Juli, okay?« Er nahm die Flasche. Der Blick seiner Mutter, die von seinem Gesicht zum Wodka sprang, brach ihm das Herz.
»Es ist nicht Juli«, sagte sie. »Der Sommer ist vorbei. Für immer.«
Tobias öffnete die Flasche, um sie dem Bodenabfluss zwischen die rostigen Zähne zu kippen. Dann aber zog ein Bild vor ihm auf: seine Mutter, die weinend den Wodka von den Steinen leckte, bevor er ganz abgelaufen war. Er ließ die Flasche zu.
»Gib her.« Sie streckte die Hand nach ihm aus, noch immer auf den Knien. Die LED-Kette wirkte wie eine kitschige Nabelschnur von Käthe Wohlfahrt.
Kopfschüttelnd wandte er sich mit der Flasche zur Treppe.
»Ich schlitz mir die Arme auf.« Sie hielt eine Scherbe hoch wie eine Hostie, das Kleid rutschte ihr von der rechten Schulter.
Er schlug ihr die Scherbe aus der Hand, stellte den Wodka auf den Trockner und warf sich seine Mutter über die Schulter. Die LED-Kette riss auseinander, das Licht erlosch. Er trug seine Mutter nach oben. Sie kreischte und zappelte, bis sie die Kraft verließ. Dann beschimpfte sie ihn mit Wörtern, die eine Mutter nicht zu ihrem sechzehnjährigen Sohn sagen sollte.
Oben warf er sie aufs Bett und schloss schwer atmend die Schlafzimmertür von außen ab. Sofort sperrte er sie wieder auf. Falls er nicht zurückkam.
Er legte die Stirn gegen die Tür. Ich tue es für dich, Mama. Nein, nein: Christa. Seit Adelsheim nannte er sie bei ihrem Vornamen. Das sollte eine Strafe für sie sein. Und sie? Merkte es nicht mal. Er bestrafte damit nur sich selbst. Auch gut.
Schlechten Gewissens das Schluchzen seiner Mutter ignorierend sprang er nach unten, nahm die halb leere Wodkaflasche mit und ging. Sonstigen Alk hatte sie keinen versteckt. Hoffte er.
Von der Pistole hatte sie nichts gesagt. Sein Geheimnis war sicher.
Hoffte er.
Die Nabelschnur zwischen ihm und seiner Mutter war schon lange gerissen.

2 * Donnerstag, Erzach

Du musst dich schinden, Angst überwinden. Die Schwarzwaldsommernacht rauschte, der Asphalt sirrte und jeder Baum, jeder Weg, jeder Telefonmast schoss mit seinem eigenen Geräusch an Tobias’ Micra vorbei. Erzach, Hammereisenbach, Urach – Ortsnamen wie Schläge. Die Schläge eines Kopfes gegen Gusseisen.
Scheinwerfer auf der anderen Spur zuckten wie Kometen vorbei, die weißen Katzenaugen auf den Leitpfosten wie Sterne. Die wenigen Häuser im Tal wischten vorüber, die Sägemühle, der leerstehende Gasthof zur Post, alles dunkel. Niemand kümmerte sich um ihn, kein Polizist würde ihn anhalten und ihn heim zu seiner Mutter schicken: Sind wir nicht ein bisschen jung zum Autofahren, hm?
Tobias trat aufs Gas. Falls er crashte, starb er schwerelos, ganz kurz wirklich ein Astronaut. Du musst dich schinden, Angst überwinden – nicht sterben. Denn du hast was zu erledigen. Er trat auf die Bremse und verlangsamte auf die erlaubten siebzig.
Ein Schatten huschte über die Straße. Kein Fuchs, was Größeres. Ein Hund? Tobias warf einen Blick in den Rückspiegel. Sah nichts.
Blickte wieder nach vorn.
Augen blitzten ihn an.
Sein Puls explodierte. Er haute den Fuß auf die Bremse. Reifen quietschten, dann das brutale Rattern des ABS. Die Gravitation knickte seine Arme ein und er prallte mit der Brust ins Lenkrad, sein Kopf schlug gegen die Scheibe. Der Wagen stand.
Tobias rieb sich die Stirn. Kein Blut. Seine Arme schmerzten, das Atmen fiel ihm schwer und er zitterte wie unter einem elektrischen Schock. Der Airbag hatte nicht ausgelöst. Kein Aufprall. Gut.
»Alles gut, Houston«, sagte er in seiner tiefsten Stimme. »Wir haben kein Problem.«
Wir haben hundert.
Wodka stank, die Flasche gluckerte ihren Rest in den Fußraum. Und wenn schon. Besser als in seine Mutter, okay?
Ein Blick in den Rückspiegel zeigte eine rote Wiese im Schein der Bremslichter. Surreal. Am rechten Straßenrand lag was.
Kein Hund. Die Augen hatten ihn von oben angesehen.
Fahr weiter. Du bist sechzehn, Alter, hast keinen Führerschein. Du hast unerlaubt den Wagen deiner Mutter geliehen, und der stinkt nach Wodka. Willst du zurück in den Knast?
Es ist nur ein Reh. Du hast es nicht mal berührt. Es erholt sich gleich.
Er fuhr an den Straßenrand und hielt an einer verrosteten Leitplanke. Im Rückspiegel keine Bewegung. Er zog seine ESA-Basecap gerade. Angst überwinden. Okay. Er machte die Scheinwerfer aus. Wenn er eins nicht gebrauchen konnte, dann einen hilfsbereiten Autofahrer. Er stieg aus. Seine Beine fühlten sich flüssig an. In seinen Ohren gellte noch das Quietschen der Bremsen.
Keine Häuser in der Nähe. Der Wald wucherte vom Hang herunter bis zum Straßengraben. Eine gefährliche Stelle für Wildwechsel. Stille.
Im matten Licht der Sterne erkannte er nicht mehr als einen Körper. Halb lag er im Graben, halb auf der Straße. Größer als ein Reh.
Noch eine Story, die er seiner Bewährungshelferin nicht erzählen würde.
Mit weichen Knien ging er zurück zum Auto, setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Er musste weg. Ein zweites Mal Jugendknast in Adelsheim stand er nicht durch.
Niemand verdächtigte ihn. Er hatte nichts getan! Was aber, wenn jemand das Kennzeichen aufschrieb? Seine Mutter hatte das beste Alibi: ausgeknockt von Suff und Tabletten, wie jede Nacht. Das rote Paillettenkleid, in dem sie Turniere getanzt hatte.
Das im Graben ist ein Mensch, oder?
Du hast ihn nicht mal berührt!
Oder?
Fluchend stieg Tobias aus und lief zu dem Körper. Eine Frau. Nackt. Verkrümmt lag sie da, die Beine auf eine Art gespreizt, die ihn unangenehm berührte. Ihr Haar klebte nass an Kopf und Schultern. Hatte sie gebadet? In der Talsperre? Er schaute den Hang hinauf. Im nächsten Tal lag der Linachstausee. War sie von dort gekommen?
Er kniete sich neben sie. Blut sah er keins. Behutsam legte er eine Hand auf ihre Schulter.
»Hören …« Er räusperte sich. »Hören Sie? Sind Sie verletzt?« Lag ein Verbandskasten im Auto? Wahrscheinlich nicht. Sein Handy? Schlief daheim auf der Ladestation. Weil sich schlaue Verbrecher auf dem Weg zum Tatort nicht orten lassen.
Die Frau stöhnte.
Sie lebte! Er stieß die Luft aus. Licht, Licht, Licht! Er nahm einen Stein aus dem Graben, rannte damit zum Auto und packte ihn auf die Bremse. Straße und Leitplanke und Bäume tauchten wieder in roten, unwirklichen Schimmer.
»Hab ich Sie …« Über ihre Hüfte zog sich eine Schürfwunde. Von seinem Rückspiegel? »Können Sie sich aufsetzen?«
Die Frau sagte was Unverständliches. Sie versuchte, sich aufzurichten. Er griff ihr unter die Arme und half ihr. Fast erwartete er, dass auch sie ihn beschimpfte wie eben erst seine Mutter.
»Ich bin Tobias«, sagte er. Und weil ihm nichts Besseres einfiel, strich er ihr sanft eine nasse Strähne aus dem Gesicht.
Seine Gedanken setzten für eine Sekunde aus.
Er kannte diese Frau. Er blinzelte, aber der Schwindel blieb. Dieses Schummerlicht konnte täuschen. Aber er kannte die Frau.
»Frau … Frau Krämer?« Sie unterrichtete Biologie an seiner Schule, Oberstufe. Er hatte sie nie gehabt. Sie hatte einen guten Ruf. Aber …
»Ist dir was passiert?«, fragte sie. Sie räusperte sich, spuckte schwach, und ein Faden Speichel zog sich von der Lippe nach unten.
»Was?«
»Bist du verletzt?«
Er starrte sie nur an. Sein Schatten tanzte über der klein dahockenden Frau. Ein Datum spukte durch seinen Kopf: 6. 6. 1975.
»Weißt du, wo ich bin? Ich bin aus dem Wasser aufgetaucht … aufgewacht?«
Sie redete weiter. Er verstand sie nicht, so rauschte das Blut in seinen Ohren.
Frau Krämer. An ihren Vornamen erinnerte er sich nicht. Bär hatte gesagt, solange es solche Frauen gibt, ist das Älterwerden halb so wild.
Sie ist nackt. Er riss den Blick von ihr, und der Bann brach. Er zog sein T-Shirt aus und legte es ihr um. Aus dem Kofferraum holte er die alte Decke und reichte sie ihr. Um die Sache nicht noch unangenehmer zu machen, drehte er Frau Krämer den Rücken zu und blickte ins Schwarz des Waldes.
»Kannst du mich nach Hause fahren?«, fragte sie.
Er drehte sich zu ihr um. Sie hatte sich sein T-Shirt angezogen und wickelte sich die Decke um Hüften und Schultern.
»Ich bin auf Ihrer Schule. Aber erst in der Neunten.« Ein Jahr verloren.
»Du hast schon den Führerschein?« Sie legte sich die Hand auf die Stirn, als wollte sie einem Fieber nachspüren. Ohne ihn anzusehen, stand sie auf und stieg auf der Beifahrerseite in den Micra.
Tobias ließ sich auf den Fahrersitz sinken. Er hatte komplett vergessen, wie man Auto fuhr.
»Schnall dich an«, sagte sie.
Er gehorchte. Sein ausgeblichenes Star-Wars-T-Shirt mit Chewbacca war ihm peinlich. Mit nacktem Oberkörper neben ihr zu sitzen, fühlte sich noch schlimmer an.
»Du hast mich fast totgefahren.« Sie lachte auf. Verwundert klang sie und viel jünger als Jahrgang 1975. Sie hob die Flasche vom Boden auf. Er erwartete eine Standpauke. Stattdessen setzte sie den Wodka an und trank die restlichen Schlucke. Ihr Blick ging zu etwas über seinem Kopf. Sie blinzelte, blinzelte wieder, rieb sich die Augen, sah weg.
»Ich hab Sie fast … fast totgefahren«, wiederholte er. In seinem Magen tat sich ein Loch von der Größe des Mare Tranquillitatis auf.
Nach drei Versuchen hatte er endlich den Motor laufen. Er wagte einen Blick nach rechts.
Frau Krämers Kopf ruhte auf ihrer Schulter. Sie hatte die Augen geschlossen, atmete leicht. Könnte man das Wort verloren steigern – so hätte sie ausgesehen.
Ein Lkw dröhnte heran und vorüber, sein Fahrtwind schüttelte den Wagen.
Tobias hielt das Steuer so fest gepackt, als müsste er eine Bruchlandung meistern. Er fuhr nicht los. Er dachte an die geleakte Weltraum-Mission von ESA und NASA, die Spekulationen über ihr Ziel, er dachte an seine eigene geheime Mission in dieser Nacht.
Der 6. 6. 1975 – an dem Tag war Frau Krämer geboren. Er kannte das Datum. Es stand auf einem Holzkreuz, vor das er als Vertreter der Mittelstufe einen Kranz gelegt hatte. Auf Frau Krämers Grab.

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